I Spy: „Dilemmas im Kreuzfeuer“

Salute, Soldaten, Abenteurer, Zauberer und Taugenichtse. Ich begrüße euch zu meiner kleinen Kolumne, die ich „I spy (with my little eye)“ –  nach dem englischen Namen des Kinderspiels „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – betitelt habe, denn ich möchte euch mit meinen Zeilen auf Wege abseits des üblichen Questgrinds und GePwne führen. Ich gehöre zu den wenigen Spielern, die sich auf die Stories hinter Fantasywelten in MMOs stürzen und sich gern mit Dialogtexten zubomben lassen, doch Informationen zu Geschichten des Spiels könnt ihr euch woanders holen. Ich dagegen versuche einen Blick auf die theoretischen Hintergründe von WoW zu werfen. Damit lade ich euch ein, eine etwas andere Sicht der Dinge mit mir zu genießen – und natürlich auch zur Diskussion, wofür wir extra diese wunderbar funkelnden „Kommentieren“ Buttons haben.

Doch nun: Zum Hauptakt.

Zwickmühle? Alter, wir spielen Halma!

Ich werde nicht lügen: Mein Held ist Ben „Yahtzee“ Croshaw. Nie von ihm gehört? Nachholbedarf, denn der in Australien lebende Brite führt auf der Neue-Medien Page escapistmagazine.com die Serie „Zero Punctuation“, eine sarkastisch bis zynische Maßnahme, bei der er (entsprechend dem Titel) ohne Punkt und Komma seiner Frustration über schlechte aktuelle Spiele freien Lauf lässt. Hervorragende Comedy; wer gut Englisch kann, sollte sich seine Materie definitiv anhören.

Aber ich lese schon die Kommentare. Was soll diese Anbetung eines goldenen Kalbs, das sich nicht einmal detailliert mit unserem Spiel im Fokus beschäftigt? Sicher will ich nicht, ausgerechnet in meinem ersten Artikel bei inWoW, Werbung für jemanden außerhalb der ingame.de Community machen.

Nein, es geht mir um anderes. Yahtzee verfolgt in letzter Zeit ein ganz zwielichtiges Thema: Moralische Entscheidungen. Blenden wir WoW einmal aus, wirbt heutzutage förmlich jedes moderne RPG damit, dass die Entschlüsse, die der Spieler im Verlauf seiner Odyssee durch virtuelle Welten trifft, Karma-artig auf ihn zurückprallen und ihm entweder Cake verschaffen oder gegebenenfalls einen dicken Mittelfinger zeigen.

Er kommt zu einem vernichtenden Urteil: Entscheidungen, die den Spieler vor eine tatsächliche Zwickmühle stellen, weil alle Optionen ihre (ethischen) Vor- und Nachteile haben, gibt es faktisch in der modernen Spielebranche nicht. Denn die einzige Unterscheidung findet zwischen „Den armen Waisenkindern aus der eigenen Haustür ein Holzpferd basteln und den letzten Lolli schenken“-gut und „Die Lollis der Waisenkinder vor ihren Augen halb aufessen, an Holzpferde kleben und Kinder inklusive Lollipferd eine Klippe runtertreten“-böse statt.

Und ich stimme ihm zu. Selten habe ich mich ernsthaft in der Position gefühlt, tatsächlich einem Dilemma gegenüber zu stehen. Die meist von vornherein offensichtliche „böse“ Alternative führt unweigerlich zum besagten Mittelfinger.

Bildliche Darstellung von Rollenspielen

Schon wieder höre ich euch tippen: „Was hat das mit WoW zu tun?“ Oder: „makkaal, du selbstverliebter Saukerl, moralische Ambiguität mit entsprechenden Konsequenzen setzt ein feinfühlig konstruiertes Narrativ mit detaillierter Charakterisierung und entsprechender Exposition voraus – das ist im modernen MMO nicht möglich.“

Gut, letzteres tippt ihr vielleicht nicht, aber es ist ein gutes Argument: Es fehlt vermutlich die Zeit, um die ganzen Elemente, die ein ethisches Problem ausmachen, überhaupt darstellen zu können. Doch da greift der Protestler in mir, und ich frage zurück: Warum denn nicht? Aber weil die Antwort nicht leicht ist, müssten wir uns wohl erst mit Phänomenen der akuten Lage befassen.

Das heutige Massively Multiplayer Online Roleplaying Game (ich möchte, dass ihr den Begriff „Rollenspiel“ beim lesen der weiteren Zeilen im Hinterkopf behaltet) setzt als eine zentrale Spielmechanik das Lösen von Quests ein. Gehe dorthin, mache jenes, komm zurück, erhalte Belohnung – Skinner Box, hurra. Darüber werden zumeist die Geschichten erzählt. Dagegen mag ich auch nichts sagen.

Doch neulich bin ich beim questen im Teufelswald über ein Kuriosum gestolpert – das oben angesprochene Phänomen.

Unverhofft kommt oft

Folgendes Szenario: Mein kleiner Jäger mit dem klangvollen Namen Stahlbart wurde von den Druiden des Cenarionzirkels durch die von der Brennenden Legion befleckten Lande geschickt und mit allerlei Aufräumaktionen beauftragt, sinngemäß etwa: Die irren Bären/Wölfe/Furbolgs sind nicht mehr zu retten, beende ihr Leiden. Die Satyre sind Sklaven der Legion, dünne ihre Reihen aus. Die armen, knuddeligen Eichhörnchen sind von den Ablagerungen der Dämonen beschmutzt, putze sie mit diesem Schwamm. Und die hochflatternden Herzchen der dankbaren Nager ließen mir den Bauch warm werden – ich fühlte mich, als täte ich etwas gutes. Greenpeace ahoi!

Es folgt die nächste Quest: Dieser Dämonenjäger dort hinten hat Druiden von uns getötet, gehe zu ihm und richte ihn. (Die Quest lautet übrigens „Gesucht: Der Dämonenjäger“, ab Stufe 46)

So weit nichts neues, schließlich nutzen Entwickler oft solche Motive um einen Charakter des Tötens würdig zu machen – er hat übles getan und der Spieler ist daran, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Es soll möglichst ethisch fraglos bleiben. Üblicherweise sind dies Monster, aber auch Spielerrassen sind nicht ungewöhnlich, wie auch hier. Berauscht vom Gefühl der Rechtschaffenheit meiner Taten mache ich mich auf den Weg, finde den Nachtelfen-NPC, der sich auch erwartungsgemäß vehement zur Wehr setzt. Doch kurz vor seinem Ableben wird der Kampf abgebrochen und ich kann stattdessen mit ihm reden. Ich fühle mich innerlich aufhorchen: Moment, das ist ungewohnt.

Und auf einen weiteren Rechtsklick wirft mir der Bursche mit fieser Arroganz und beißendem Sarkasmus vor: Das sei ja rühmlich von mir, jemanden aufgrund einer bloßen Anschuldigung töten zu wollen.

Needless to say: Ich war baff. Tatsächlich saß ich bestimmt zwei bis drei geschlagene Minuten vor meinem Bildschirm und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.

Inmitten der Ödnis und des Questgrinds gab es plötzlich einen Bruch. Aus der Routine, zu der mich das Spiel zwang – nämlich ethisches Verhalten als trivial weit hinter den XP-Gewinn zu stellen – riss es mich damit heraus, dass es mir auf einmal vorwarf, mich nicht ethisch verhalten zu haben.

Ich fühlte mich ernsthaft verarscht aufgrund dieser Wende. Was fällt dir ein, WoW, mir eine Mechanik vorzusetzen, der ich mich fraglos hinzugeben habe, weil ich dich nur schwer anders spielen kann – nur um mich dann anzunölen, dass ich genau das getan habe?

Wer die Quest kennt, weiß, dass der NPC im Folgenden erklärt, die getöteten Druiden seien Dämonen in Verkleidung gewesen, er hat demnach bei der Säuberung des Waldes geholfen. Er gibt dem Spieler einen magischen Gegenstand, der ihn durch die Verkleidungen blicken lässt, und schickt ihn ebenfalls los um weitere Druiden/Dämonen zu Fall zu bringen.

Und zum Beweis, dass nicht alles ist, wie es scheint, zeigt er Szenen vom Kampf zwischen Illidan (dem „Verräter“) und Arthas. Sein Motiv für die Chose ist, dass Illidan solch ein Fiesemöpp gar nicht war. Doch was meinen Punkt nur unterstreicht: Diese Erfahrung hindert den Spieler natürlich nicht daran, genau selbigem im Schwarzen Tempel mit Hilfe von Freunden ein mehr oder weniger qualvolles Ende zu bereiten.

Illidan: Bloß Opfer einer Verschwörung?

Davon abgesehen, dass ich nach seiner anfänglichen Aussage, man solle nicht blind alle Aufträge befolgen, seiner Dämonen-töten Aufgabe sehr skeptisch gegenüberstand (wer sagt denn, dass sein Gegenstand mir nicht ein Trugbild vorspielt und ich doch tatsächliche Druiden brutal ermorde?) geht das Ende der Auftragsreihe gut aus: Ein Dämon imitiert nämlich gar den Chefdruiden im Camp des Cenarionzirkels, der sich nach seinem (spielerverursachten) Tod auch in seine ursprüngliche Gestalt zurückverwandelt. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund befreit dieses Ergebnis den obigen Dämonenjäger-NPC gänzlich von der Mordschuld und lässt auch keine Antworten erhoffen, wieso a) mir zuvor indirekt von einem Dämonen Aufträge zur Reinigung des Waldes von anderen Dämonen gegeben wurden, b) ob meine Ausführung derer nicht sogar der Brennenden Legion weitere Vorteile verschafft haben und c) wem ich überhaupt noch trauen kann.

Aber ich schweife ab.

Never beat a running system

Mein Punkt ist dieser: Die Tragweite der vorwurfsvollen Frage, dem erneuten blinden Kadavergehorsam (ausgerechnet gegenüber dem Charakter, der genau diesen Gehorsam an mir kritisierte!) und der gänzlich folgenlosen Unschuldsdarstellung Illidans, ist kataklysmisch. Nur um eine weitere Referenz und hochgestochenen Kalauer zu bringen.

Doch bevor ich das erläutere, ein weiterer Einschub. Was ist denn mit dem einen Kerl beim Holzfällerlager des Osttals in Elwynn? Wie hieß er doch gleich… James Clark! Der Typ, auf dessen Kopf laut Steckbrief wegen Raub, Diebstahl, Brandstiftung, Mord und der Tötung der preisgekrönten Sau „Prinzessin“ ein Preis ausgesetzt worden war, den sich der Spieler abholen darf? Man beachte dabei den Vorwurf mit der Sau: Dies war Teil einer Questreihe kurz zuvor, Teil des Streits zwischen zwei verfeindeten Familien in dem Gebiet. Der Spieler sollte im Auftrag einer der Familien das Tier, das der anderen Familie gehört, töten.

Das heißt, James Clark war mindestens (!) eines Verbrechens fälschlich bezichtigt, sogar eines Verbrechens, das der Spieler selbst beging! Und damit nicht genug, der Kerl wird auch noch gelb angezeigt, wenn man ihn findet – er ist also nicht einmal aggressiv. Die Folgerungen des wachsamen Spielers müssten also sein: Wenn bereits eine falsche Beschuldigung vorliegt, ist das bei den anderen genauso möglich. Und er ist nicht einmal im Sinne des Gesetzes „flüchtig“. Wieso soll ich einen friedlichen Mann, der in seinem eigenen Heim aufzufinden ist, bei dem offenbar keine „Verdunkelungsgefahr“ besteht, töten? Warum wird er nicht dem Richter vorgeführt?

Warum spreche ich also von „kataklysmisch“? All dies läuft in einem Fluchtpunkt zusammen: Der Spieler wird genötigt, wenn er denn XP will, Aufträge auszuführen, die ethisch fragwürdig sind – hat aber keine Entscheidungsfreiheit, wie er sie lösen will. Damit hat Blizzard auch eine massive Chance verpasst, denn in dem Ausmaß, wie mir hier eine mögliche Abänderung der Mechanik suggeriert wird, wird sie im selben Augenblick auch wieder verworfen.

Etwas direkter formuliert: Mir wird also in einem Fall subtil unterstellt, im anderen Fall offensiv vorgeworfen, dass ich mich so verhalte, wie das Spiel es von mir verlangt. Tue ich das aber nicht, erhalte ich keine Belohnung, sondern eine Bestrafung; eben das Vorenthalten von XP und Loot. Skinner Box, hurra?

Natürlich bleibt letztlich der Entschluss bei mir, ob ich aufgrund moralischer Bedenken diese Quests überhaupt annehme. Doch das führt, wie gesagt, aufgrund der allgegenwärtigen Questmechanik unweigerlich zum theoretischen Verlust von Cake. Weder kann ich mein Verhalten ändern (siehe Dämonen-in-Verkleidung-Quest, ich muss diese ausführen, um in der Questreihe voran zu schreiten und Belohnung zu erhalten, also wieder blind einen Auftrag erfüllen), noch wird mir nahe gelegt, beispielsweise die beschuldigten NPCs einer gerechten Verhandlung vorzuführen, sprich zu verhaften, noch kann ich andere Maßnahmen ergreifen, wie auch immer sie mir von meiner Kreativität vorgeschlagen werden.

Versteht mich nicht falsch, ich bin immer dafür, den (Hirnschmalz vom) Spieler anzusprechen und ihn als solches zu erkennen, was er ist: ein Mensch. Nun hat Blizzard sich bei diesem Versuch cleverer weise überlegt, Dilemmas einzuführen um die Suppe zu würzen und ein kurzes „…the fuck?“ bei den Spielern auszulösen.

Doch während die meisten Spiele zwischen Mahatma-Ghandi-gut und Charles-Manson-böse unterscheiden, trifft WoW gar keine Differenzierung. Theoretisch sagt mir diese Quest: Du bist ein schlechter Zwerg, obwohl du dich an die Spielregeln hältst. Blizzard, so funktioniert das nicht!

Kurzum, es wird die Spielmechanik nicht bloß ignoriert, sondern bei genauerem Betrachten die Intelligenz des Spielers nahezu angespuckt.

Zu Schulzeiten hieß das: Thema getroffen, Aufsatz mangelhaft.

Boom-Shak, got two shoes for dancin‘,
<° makkaal