Gamemaster – Die unsichtbaren Engel

Ich will einmal eine Lanze brechen. Und zwar für eine Gruppe Menschen, die ansonsten selten jemand auf seiner persönlichen „ich-bemitleide-Dich-Liste“ hat. Es handelt sich mitnichten um die Zielgruppe des SGB XII, SGB II oder gar die holde Weiblichkeit, sondern um den gemeinen Gamemaster (Fachterminus: Magister Ludus Vulgaris).

Möglicherweise gibt es eine Diskrepanz zwischen bestimmten Grundsätzen, an die man sich mit der Zeit gewöhnt hat. Zum Beispiel stehen sich „Der Kunde ist König“ und „Machen Sie Ihre Probleme nicht zu meinen!“ gerade im Bereich des Gamemastering entgegen. Als, nicht zuletzt, zahlender Kunde kann und darf es natürlich mein Anspruch sein, für dieses Geld eine Gegenleistung zu erwarten. Diese soll nicht nur in der Bereitstellung von Infrastruktur, sondern auch in einem guten Service liegen. Deshalb wurde für MMOG’s der Support im Spiel, das Gamemastering, erfunden.

Dieser Service ist von Zeit zu Zeit sicherlich sehr nützlich. Man kennt es ja, nach einigen Jahren des Spielens. Mal steckt der Charakter fest (Immer diese blöden Bergschrägen!), mal funktioniert eine Quest nach einem Update nicht „as intended“ (wtf, ich hab die doch mit Seuchenfläschen bombardiert!), oder einer der vielseits geschätzten „Chinafarmer“ flutet die Chatkanäle alle 34 Millisekunden.

Kurzer Einschub: Wenn niemand bei den Farmern kauft, wie kommt es, dass so viele davon existieren? :-D

Zurück zum Thema. Der Gamemaster ist in solchen Situationen eine nicht unbeträchtliche Hilfe. Als gottgleicher Vertreter der Anbieters kann er wahre Wunder vollbringen, den Charakter des Spielers durch die Welt teleportieren, Quests als erledigt markieren, die es nicht sind, oder wenig angenehme Zeitgenossen der virtuellen Welt verweisen.

Natürlich gibt es auch eine andere Seite. Wie in allen Berufen gibt es offenkundig Mitmenschen, die ihren Beruf nicht allzu sehr lieben, und ihm dementsprechend nachlässig nachgehen. Das vielfach bemängelte „Er-antwortet-immer-nur-mit-nervigen-und-am-Thema-vorbei-gehenden-Makros“ ist sicherlich keine Erfindung. Wer immer mal sehen wollte, wie so etwas funktioniert, kann ja einen Blick auf Ghostwriter werfen. Es ist uns allen schon passiert. Man hat ein Problem, beschreibt es so ausführlich, wie es die begrenzte Textfläche bei Tickets zulässt, und bekommt Antworten zurück, die nur eines sicher schließen lassen: Der GM hat gar nicht gelesen, was man geschrieben hat, sondern hat lediglich schnell eine Standardantwort, meist „Bitte schau in das offizielle Forum“, zusammen geklickt.

Dass man sich über so etwas zu Recht ärgert, ist normal. Aber um die gesamte Vielfalt der Problematik zu begreifen, sollte man auch die andere Seite kennen. Fakt ist, dass rund 70-80% aller Supportanfragen (ob in WoW, oder bei einer beliebigen IT-Firma) nun einmal unzureichend und schlecht formuliert sind. Das Fazit ist, dass für einen Großteil der Anfragen das Standard-Makro „Problem nicht ausreichend formuliert – Bitte besser, oder ins Forum“ völlig ausreichend ist. Hinzu kommt, dass diese Erkenntnis meist auf der Seite des Anfragenden Mangelware ist, wie dieser schöne Thread beweist.

Wer selbst einmal, wie ich, im Support gearbeitet hat, weiß, dass dies kein Einzelfall, sondern Alltagsgeschäft ist. Und damit zeigt sich auch, warum der Magister Ludus Vulgaris schützens- und bewundernswert ist – Er/Sie findet nämlich für die verbleibenden 20-30% echte Probleme gute und funktionierende Lösungen. Es ist nur zu nachvollziehbar, dass sich auch ein GM, aller Unkenrufe nach Kunde=König zum Trotz, mal Luft macht (übrigens auf geradezu herrliche Weise).

Also, lieber gemeiner Gamemaster, als ehemaliger Kollege und Kunde zolle ich Dir meinen Respekt. Ich möchte nämlich eher nicht mehr im Support tätig sein. Mein Blutdruck stieg, mein Kaffeekonsum erreichte ungeahnte Höhen, und die Zigaretten waren definitiv das kleinere aller möglichen Übel! Das einzige, was sicher spaßig wäre, wäre die Faction Champs in PdoK selbst zu steuern und die Spieler umzubratzen – Leider nur eine urbane Legende. Hoffe ich.

Und auch, abschließend, ein kleiner Tip an die Community: Die meiste Arbeit eines Gamemasters bekommt niemand mit, denn sie passiert im Hintergrund. Deshalb kann man davon ausgehen, dass auch die meisten Gamemaster durchaus brauchbar in ihrem Job sind, und diesen Ernst nehmen. Man merkt es nur nicht, weil sie ihn machen, statt darüber zu reden. Wenn manch ein Spieler sich diesen kleinen Moment ebenfalls nehmen würde, und statt stur auf „Ticket eröffnen“ zu klicken den Powerknopf seines Hirns bemühen würde, würden vermutlich beide Seiten viel seltener aneinander geraten.

– Hossi