I Spy: Der Rausch von Azeroth (1/3)

„What is real, Neo?“

Ich begrüße euch zum dritten Teil meiner Reihe „I Spy: Ich sehe was, was du nicht siehst“. Wir graben uns gemeinsam durch Berge an Theoriefutter, aus dem unser WoW besteht, die wir für gewöhnlich aber nicht wahrnehmen. In meinen letzten zwei Artikeln habe ich mich hauptsächlich aufgeregt, heute aber halte ich ein Plädoyer. Darum ist der Ton auch ein wenig ernster.

Daher steht heute auf dem Speiseplan: Immersion. Als Entré ein leichtes „Was-ist-das-denn-für-ein-Mist“, gefolgt von sanft gegarten Maßnahmen wie man sie erreicht und zum Hauptgang welche Bedeutung sie hat (Beilage: Salzkartoffeln).

Um euch den Einstieg zu erleichtern: Wer Inception gesehen hat, hat bereits eine gute Idee davon, was Immersion ist. Aber auch The Matrix oder auch Die Truman Show sind beides Exemplare dafür. Es geht um das Eintauchen in andere Realitätsebenen, von denen mindestens eine künstlich geschaffen ist. Bei den Filmen ist es die Figur, im Spiel der Spieler selbst. Es dreht sich dabei um eine Verminderung des „Ich-Bewusstseins“.

Was erst mal nach einem heftigen Trip klingt, hat Bestand in der Kunst: Der Zuschauer/Leser/Spieler soll sich in der künstlich geschaffenen Welt verlieren und sich mit dem Protagonisten bzw. seinem Avatar identifizieren. Er soll diese Figur werden.

Immersion: Fast erreicht. (Quelle)

Survival Horror Games sind oft klasse darin, das zu erzeugen: Springt der Spieler vor Schreck auf, wenn sein Avatar von einem Düsteren Verdammniseichhörnchen der Blutvergiftung aus dem Schatten heraus angegriffen wird, ist er zumindest auf emotionaler Ebene in der Welt, in der offenbar düstere Verdammniseichhörnchen der Blutvergiftung eine reale Gefahr darstellen.

Bei Rollenspielen aber geht es um das akzeptierende Erleben einer lebendigen Welt, z.B. das Mögen bzw. Verabscheuen bestimmter Charaktere.

Rettet mein Zwerg unschuldige Dorfbewohner aus einem von der Geißel belagerten Dorf und ich als Spieler fühle mich selber gut dabei; wenn ich selbst Stolz empfinde, weil ein Drache den Mut der Sterblichen lobt; entwickle ich Abscheu, weil mein Offizier einen Gefangenen tötet – BÄM, schön mit der Immersion so richtig schön in den Kopf.

Allerdings gestaltet sich das geförderte Eintauchen als technisch sehr schwer.

Das Problem besteht darin, nicht nur eine Welt möglichst realistisch darzustellen ( = Simulation), sondern sie auch durch gegenseitiges Beeinflussen mit dem Spieler zu verbinden ( = Interaktion). Empfindet der Spieler (auch auf Sinnesebene), was sein Avatar empfinden sollte, ist das erreicht.

Natürlich gibt es dabei Grenzen, und in der Wissenschaft gibt es ganze Bände darüber, wie Steuerungsmechanismen den Menschen mit der künstlichen Welt verbinden, aber das geht zu tief in die Materie. Ihr könnt hieraus mitnehmen, dass wir vom am Körper spürbaren Virtual Reality Porno noch weit entfernt sind und uns erst mal mit vermittelten Emotionen begnügen müssen.

Also beschäftigen wir uns ein bisschen damit, was am heimischen Durchschnitts-PC mit 22 Zoll Bildschirm und 150€ Pro-Gaming Maus erreicht werden kann. Genau genommen mit der offensichtlichsten, wohl auch wichtigsten Mechanik: Realismus, der hauptsächlich aus zwei Elementen besteht: Reproduktion/Ähnlichkeit und Kohärenz/Beständigkeit.

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