I Spy: „Sex? LOL.“ (3/3)

Teil 3

Dein Unterbewusstsein und du

Manche argumentieren, viele Leute spielten bloß weibliche Charaktere, weil sie immerhin gezwungen würden, ihrem Avatar ständig auf den Hintern zu gucken – und da sei ein weiblicher eindeutig vorzuziehen.

Ich argumentiere, diese Leute hätten den Schuss nicht gehört. Denn diese Aussage ist eine ziemlich oberflächliche Rechtfertigung für die Umarmung der meist unnötig erotischen Darstellung der Avatare.

Wobei ich dabei anmerken sollte: Ich habe nichts gegen jemanden, wenn er aus diesem Grund einen weiblichen Toon wählt. Spiel was du willst, aber rechne mit meiner Meinung:
Ich spekuliere, dass eine nicht geringe Anzahl dieser Spieler vermutlich insgeheim ihrer eigenen sexuellen Präferenzen unsicher sind und unbewusst versuchen, diese Unsicherheit durch die Wahl der Figur zu kompensieren und sich ihrer eigenen Heterosexualität zu vergewissern. „Immerhin starre ich keine virtuellen Männerärsche an!“

Doch was man da anstarrt ist eine Ansammlung von Polygonen, die lediglich (mehr oder weniger) entfernt an einen humanoiden Körper erinnern. Durchweg männliche Charaktere zu spielen beeinflusst in keiner Weise die Vorzüge eines Spielers, weil es schlicht und ergreifend keine Aussage über seine Sexualität trifft.

Die WoW Singlebörse war ein desaströser Reinfall.

Ich habe eine Vermutung, woher diese oftmals versexte Darstellung weiblicher Figuren stammt.

Fantasy hat eine spezielle Eigenart: Macht spielt eine sehr offensive Rolle. Sei es Magie, Herrschaft oder spezielle Fähigkeiten. Charaktere werden dadurch fantastisch (und mächtig), dass ihnen übernatürliche Attribute zugewiesen werden.

Das ist natürlich für das meist männliche Publikum im Fall von weiblichen Figuren durchaus unangenehm. Das Bild vom schwachen Geschlecht ist noch immer nicht aus unser aller Köpfe entwichen (siehe gender), Frauen sind komplexe und oft für uns Männer komplizierte Wesen.

Diese Verbindung von Unvorhersehbarkeit, also vom Mysterium „Weiblichkeit“ und Macht kann (unterbewusst) gefährlich wirken. Vielleicht sind Frauen unter anderem auch deshalb selten wichtige Protagonisten, dafür aber wesentlich öfter ernst zu nehmende Gegenspieler – siehe die böse Hexe oder hinterlistige Königin. Und hier finden wir wohl Grund als auch Lösung für das Sexismusproblem.

Denn die simpelste Maßnahme, einer mächtigen Frau ihre sinnbildliche Bedrohlichkeit zu nehmen liegt darin, sie entweder zerbrechlich bzw. angreifbar wirken zu lassen oder aber, wie in unserem Fall, sie zum Lustobjekt zu verharmlosen.

Wege aus der… äh… Krise

Nur um das zu klären: Ich habe nichts gegen Erotik in Spielen, auch nicht im Fantasy. Und mir ist klar, dass die Grenzen zwischen Erotik und Pornografie fließend sind. Von Letzterem spreche ich hier auch nicht, aber was wir im Spiel finden, bewegt sich eben auf besagter Grenze.
Also: Erotik ja, aber bitte mit Reife und in Maßen. Denn sie kann – und sollte – subtil und dadurch spannend sein, wie halt im echten Leben.

„Von eigener Stellung, über freie Fläche: rote Boje. Erkannt?
So weit reicht die subtile Erotik Ihres MGs.“
(Quelle)

Nur, wie ich hoffentlich deutlich machen konnte, ist der Umgang mit Sexualität in WoW ziemlich infantil. Viele Entwickler fahren zweigleisig: Zum einen wird speziell die jugendliche Demografie mit Sex gelockt, gleichzeitig aber wird Inhalt ins Spiel gestellt, der meines Erachtens eigentlich für diese Altersklasse nicht geeignet ist. Doch zu zu diesem Zwiespalt komme ich sicher ein anderes Mal.

Dazu kommt, dass mein eigener Spielspaß davon beeinträchtigt wird, wenn ich in eine Fantasywelt voller Monster, Prüfungen und großer Helden eintauchen will, aber etwa die Hälfte dieser „Helden“ mir ständig ihre Titten entgegenstreckt.

Was kann man also besser machen? Beispiel: Klingenhügel, Durotar. Ein weiblicher Goblin mit dem schönen Namen „Gail“ begrüßt meinen Troll sinngemäß mit: „Hey Hübscher! Ich hatte schon ein Auge auf deine großen, starken Oberarme geworfen, seit du in die Stadt gekommen bist. Sei doch ein Schatz und tu mir einen Gefallen…“

Ich rege mich nicht darüber auf, im Gegenteil: Sie will etwas Bestimmtes von mir und versucht auf recht realistische Weise, das von mir zu bekommen. Das Mädchen hat nicht die Autorität um es zu verlangen und erst recht nicht genug Geld um mich zu bezahlen, also muss es sich mit Balzen versuchen.

(Suggerierte!) Sexualität ist hier ein Mechanismus sozialen Handelns, nicht zum Begaffen gedacht. Sie geht bewusst mit ihrer Sexualität um, ohne sich selbst zum rein passiven Anschauungsobjekt zu erniedrigen.

Klar, meine Liebe, obwohl du nicht meinem Schönheitsideal (oder dem meines Trolls) entsprichst, bringen mich deine Honig-um’s-Maul-Schmiermethoden und der zuckersüße Augenaufschlag zum Schmunzeln – ich tu dir gern einen Gefallen. Ich hoffe bloß, dass du im deutschen Client umbenannt wurdest, auch wenn dein Name Gäil ausgesprochen wird, nicht geil.

Ich mochte Gail. Sie war ein rühmlicher Versuch der Entwickler, der jedoch einem Schuss in den eigenen Fuß gleicht, da auch sie nicht vor dem Blizzard’schen Entkleidungsfetisch gefeit war.

Besonders erotisch: ihr Septum-Knochenpiercing. (Quelle)

Aber konzentrieren wir uns abschließend auf den positiven Aspekt. Warum kommt diese Art des lockeren Umgangs mit Sexualität nicht öfter vor? Müssen weibliche Figuren immer so dermaßen provokativ „weiblich“ sein, dass es zum Anstarren verleitet? Muss Sexualität immer stumpf und in your face sein?

Würde ein dezenterer, realistischer Umgang den Jugendlichen, die offenbar eine so ernst zu nehmende Zielgruppe darstellen, nicht ein viel gesünderes Bild von Frauen vermitteln?
Zugegeben, das würde Denkarbeit bedeuten. Aber es werden auch Stunden Arbeitszeit in hirnlose Kill- und Fetchquests investiert.

Und bitte, bitte, bitte: Nehmt das gottverfluchte Würde-wegwerf-Wackeln aus dem Spiel.

Mir ist bewusst, dass dies ein kontroverses Thema ist, doch das geläufigste Argument ist leider: „Ist doch egal, ist doch bloß ein Spiel.“
Und da wundert ihr euch, warum so wenige tatsächliche Frauen in unserem heißgeliebten Spiel unterwegs sind?

Ristade sitt tecken, sin runa
Med en ryckande arm:
<° makkaal

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