Where the Glory is?

Blizzard hat’s nicht leicht. Egal was sie machen, wann sie es machen und wie sie es machen: niemand ist zufrieden. Trotz der nie abebbenden Kritik werden ihre Spiele vergöttert, ganze Scharen jung gebliebener Spieler verfallen dem Zauber ihrer Produkte. Was auf den ersten Blick ein wenig paradox anmutet, wird bei genauerer Betrachtungsweise absolut offensichtlich, geradezu aufdringend logisch. Computerspiele sind eine Leidenschaft, Spieler auf dem ganzen Globus investieren einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit in die von Blizzard geschaffenen Welten. Zwar steht der Spaß vielerorts im Vordergrund, diesen sieht die Mehrheit nach einiger Zeit aber nur noch durch eine Sache gewährleistet: Perfektion in allen Bereichen. Die Spiele Blizzards haben längst die Bezeichnung „Hobby“ bei den meisten Anhängern verdient und Freizeitsbeschäftigungen sollen nunmal perfekt sein. Nur ist allumfassende Perfektion im allgemeinen so einfach zu erreichen wie der Pluto in einem Propellerflugzeug. Trotzdem: die Forderung nach dem perfekten Spiel hält die Spieler bei Laune, treibt Entwickler an und macht uns alle doch insgesamt irgendwie glücklich. Zumal die Forderung bei bisherigen Blizzard-Produkten zwar hörbar war, aber keineswegs so laut und nachdringlich wurde, dass daraus wirkliche Unzufriedenheit resultiert hätte. Einmal ist Blizzard sogar nah dran vorbeigeschrammt, am perfekten Spiel. StarCraft:Broodwar ist wohl in den Augen Vieler das ausgewogenste und auf lange Sicht motivierenste Real-Time-Strategy-Game das jemals programmiert wurde. Doch nun, nach einer Vielzahl bombastischer Erfolge und einem Prestige, das die Beatles vor Neid hätte erblassen lassen, wagt sich Blizzard an die nächste Etappe auf dem Weg zur perfekten Alternativwelt: ein MMORPG. Tausende Spieler sollen sich in einer riesigen, aufregenden Welt tummeln und eifrig Beeren sammeln, Bögen spannen und das Böse schnetzeln, dabei aber weder Frust noch Langeweile empfinden, gänzlich unabhängig davon, wieviel Zeit sie denn in dieser Welt verbringen. Dieses Vorhaben würde wohl auch unser ansonsten eher zuversichtlich auftretende Kanzler mit den Worten „das könnte schwierig werden“ kommentieren.
Jahrelang warteten wir nun auf den Tag, der Gewißheit darüber bringen sollte, ob Blizzard einen weiteren Geniestreich vollbracht hat oder an ihrem bisher ehrgeizigsten Projekt kläglich gescheitert ist. Die Gemeinschaft rund um Blizzards neustes Machwerk wuchs jedenfalls beständig, gegen Ende hin gar explosionsartig und an einem kalten Freitag im Februar war es dann endlich soweit: glücklich wie Kleinkinder auf dem neuen Kettcar hielten wir unser Exemplar von World of Warcraft in der Hand.

Seit diesem aufregenden Tag sind nunmehr etwas mehr als fünf Wochen vergangen, der Winter ist vorbei, die Vögel zwitschern, die Arbeitslosen sind wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Der ein oder andere ahnt vielleicht schon worauf ich hinaus will: es ist Frühling.
Aufbruchstimmung, Frühlingsgefühle, alles neu, alles besser. So auch bei dem oben ausführlichst vorgestellten Spieleherrsteller. In greifbarer Nähe sind sie, die neuen Features, die Blizzards neustes Produkt der perfekten Unterhaltung ein Stück näher bringen sollen. Die Rede ist selbstverständlich von den heiß ersehnten Battlegrounds und dem kontrovers diskutierten Ehrensystem. Da letzteres eben nicht auf die breite Zustimmung stößt, die sich Viele (Blizzard inklusive) erhofft haben, eine thematische Aufbereitung dergleichen aber bisher nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, dachte ich mir vorhin spontan, zwischen Vögeln, Frühlingsgefühlen und Arbeitslosen: ich mach das mal.

Bevor ich zum eigentlich Thema komme, noch der für in dieser Community veröffentlichte Texte obligatorische Hinweis: mir ist durchaus bewusst, dass es verschiedene Standpunkte zu diesem Thema gibt. Mir geht es primär darum, ein bißchen zum Denken anzuregen und ich stelle keinerlei Anspruch, die Wahrheit zu sagen. Alles was ich im Folgenden aufführe, ist meine persönliche Meinung und ich respektiere vollkommen, wenn jemand diese nicht teilt. An den Leser sei nun die Bitte gerichtet, mit der selben Toleranz an das Thema heranzutreten und anzuerkennen, dass es Beweggründe für die meisten Standpunkte gibt und diese damit eine Berechtigung haben – auch wenn man eine Meinung nicht teilt, sollte man wenigstens versuchen sie zu akzeptieren. Wie auch immer, zurück zum Text.

Ich gehe davon aus, dass der geneigte Gönner dieser Zeilen über die anstehenden Änderungen bezüglich des Ehrensystems im Bilde ist. Trotzdem nochmal eine kleine Zusammenfassung, der Vollständigkeit halber:

  • für das Töten gegnerischer Spieler, die nicht mehr als sieben Level unter einem liegen, erhält man Ehrenpunkte
  • mit gesammelten Ehrenpunkten steigt man im Reichsrang auf und bekommt insbesondere in den höheren Rängen (die erst mit einer beträchtlichen Menge an Ehrenpunkten erreicht werden können) einzigartige Belohnungen
  • das Töten von gegnerischen Spielern in einer Gruppe steigert die Menge an Ehrenpunkten die man erhält
  • das Töten von deutlich niedrigeren gegnerischen Spielern bleibt ohne Effekt, man erhält also weder Ehren- noch Strafpunkte
  • das Töten von friedlichen NPCs der anderen Fraktion gilt als ruchloser Mord – ruchlose Morde bleiben „voerst“ ohne Konsequenzen

Was alle auf Player-vs-Enemy-Servern (auf denen Kämpfe gegen die andere Fraktion nur mit eigenem Einverständnis stattfinden) angesiedelte Spieler jetzt höchstens zu einem müden Schmunzeln veranlasst, mag dem ein oder anderen Spieler auf Player-vs-Player-Servern den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Auf diesen kann bekanntlich jeder Spieler ab einem gewissen Level (genauer ab dem Betreten von umkämpften Gebieten, die man aber erst ab einem bestimmten Level besucht) zu jedem Zeitpunkt von der gegenerischen Fraktion attackiert werden. Bisher wird diese Möglichkeit in eher seltenen Fällen genutzt, auch wenn ab und an ein lvl50-Charakter eine Menge Spaß daran findet, lvl25-Gegner mit einem Schlag ins Nirwana zu schicken. Schwarze Schafe gibt es immer und so finden sich in vielen Foren zwar Beschwerden am laufenden Band, insgesamt hält sich die sinnlose Töterei aber doch in Grenzen. Kein Wunder, schließlich sind die meisten Spieler darauf bedacht, mit ihrem Charakter Aufträge zu lösen und in kurzer Zeit ein Maximum an Erfahrung einzuheimsen. PvP-Scharmützel und hinterlistige Mordanschläge gibt es, diese beinträchtigen den Spielspaß aber nur am Rande und werden von den meisten Spielern hingenommen. Obendrein hat sich in vielen Gebieten jenseits von lvl30 eine Art Waffenstillstand etabliert. Dies ist insbesondere dort der Fall, wo es aufgrund der hohen Spielerdichte derart häufig zum Aufeinandertreffen von Allianz und Horde kommt, dass bei Kampfzwang ans Questen und damit Vorankommen nicht zu denken wäre. Viel eher ist hier die Regel, dass mal Hilfestellung geleistet wird, wenn sich der böse Ork nebenan beim Monster töten übernimmt.

Offensichtlich ist wohl, dass sich das mit der Einführung des Ehrensystems grundlegend ändern wird. Was sicherlich einige Spieler freuen wird und in ihren Augen den Ausflügen in die Welt von Warcraft erst den richtigen Kick verleiht, veranlasst andere zu dem Gedanken, was Blizzard denn mit diesem Ehrensystem eigentlich bezwecken will. Wettbewerb sagen die einen, rücksichtloses Gemetzel sagen die anderen. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft irgendwo in der Mitte. Eines sind die Änderungen aber ganz sicher: ein Tritt ins Gesicht aller Gelegenheitsspieler, die nicht die Zeit haben den halben Tag arroganten Paladinen davonzulaufen. Denn eins ist gewiß: friedliches Questen in umkämpften Gebieten gehört garantiert der Vergangenheit an, sobald der neue Patch (und mit ihm das Ehrensystem) das Licht der virtuellen Welt erblickt. Wer nur mal eben für eine Stunde ein paar Aufträge in Stranglethorn angehen möchte (wo momentan oben angesprochener Waffenstillstand herrscht, da man schlichtweg alle 30 Sekunden einem Spieler der anderen Fraktion über den Weg läuft) und dafür nicht extra eine Gruppe als Lebensversicherung suchen kann, guckt bald dumm aus der Wäsche. Spätestens wenn die drei lvl40 Allianzler den schwächlichen Protagonisten zum dritten Mal binnen weniger Minuten auf den Friedhof geschickt haben und sich anhand der gewonnenen Ehrenpunkte ins Fäustchen lachen. Sicherlich ist das ein Extremfall, der so vermutlich nur selten vorkommen wird. Mit dem Ehrensystem gibt es aber nun einen lukrativen Anreiz jeden Gegner in der 7-Level-Spanne sofort zu töten, egal ob dieser gerade ganz alleine ist und man selber mit zwei Freunden unterwegs ist. Der nächste Reichsrang ist nah, und was stört mich da der Spielspaß des unbekannten Opfers? In meinen Augen fragwürdig ist diese Praxis neben der offensichtlichen Moralfrage vor allem aus zweierlei Anlässen:

1. Was hat es mit Ehre zu tun einen deutlich unterlegenen Spieler zu töten? (was die Regel sein wird, da man als Level-33-Spieler gegen einen Gegner mit dem Level 38 wohl eher schlecht aussieht)
2. Wie kann sich Blizzard erdreisten, so ein Feauture einzuführen, _nachdem_ sie viele Käufer mit dem Versprechen gelockt haben, World of Warcraft sei das erste MMORPG, welches auch Gelegenheitsspielern pausenlos Spaß macht?

Sicherlich ist das Argument, man solle als Gelegenheitsspieler doch auf einen PvE-Server gehen, nicht ganz unangebracht. Den Leuten, die mit Freunden und Gilde fünf Wochen lang auf einem PvP-Server gespielt haben, bringt es aber wenig. Insgesamt haben sich viele „Betroffene“ das Ehrensystem wohl etwas anders vorgestellt und sich daraufhin für einen PvP-Server entschieden. Beispielsweise sind nicht wenige wohl davon ausgegangen, dass Kämpfe, die nach dem gesunden Menschenverstand unehrenhaft (und damit unfair) sind, geahndet werden und somit das spielspaßhemmende Element auf PvP-Servern eher reduziert wird. Der Pfad den Blizzard mit Einführung des Ehrensystems einschlägt, führt jedoch definitiv in die entgegengesetzte Richtung. Jeder Klingone würde den verantwortlichen Blizzard-Programmierern jedenfalls sofort das Batleth in die Brust rammen, würde er erfahren, wie der Begriff „Ehre“ hier definiert wird.

Bedenklich ist, dass Blizzard durch diese Veränderung nicht einmal den Gesamtspielspaß der Community hemmen wird. Viel eher wird dieser umverteilt. All jene, die bereit und in der Lage sind, einen großen Teil ihrer Freizeit in World of Warcraft zu stecken, werden das Ehrensystem lieben. Neue einzigartige Gegenstände, Untergebene die zu einem aufschauen und schwächliche Gegner die der eigenen marrodierenden highlvl-Gruppe nichts entgegenzusetzen haben. Jedoch geht dieses Mehr an Spielspaß auf Kosten all jener, die keine stattliche highlvl-Gilde haben und nicht sieben Stunden täglich zu Roß die World of Warcraft durchstreifen. Diesen Spielern bleiben wohl nur zwei Alternativen: mehr spielen oder bei Null auf einem neuen Server anfangen.

Bevor ich hier gründlich falsch verstanden werde: ich bin durchaus für Kämpfe zwischen den Fraktionen. Ich duelliere mich gerne mit hinterhältigen Nachtelfen und habe nichts gegen Scharmützel in Kleingruppen wenn man sich auf der einsamen Straße begegnet. Ich helfe gerne bei der Verteidigung von Crossroads und ich habe mir als Ziel gesetzt, eines Tages winkend neben dem Kadaver des Zwergenkönigs zu stehen. Aus diesen Gründen habe ich mich – wie viele andere – für einen PvP-Server entschieden. Bestärkt durch die Hoffnung, dass das geplante Ehrensystem gewisse Regeln einführt, die zwar Einigen mehr Spaß bringen, den Anderen diesen aber nicht nehmen. Wie oben ausgeführt, wird das neue Ehrensystem meiner Meinung nach jedoch genau das tun.
PvP ist nur dann eine Bereicherung, wenn beide Seiten gewisse Regeln einhalten und so etwas wie „Ehre“ exisiert. Ironischerweise läuft World of Warcraft aber gerade durch das neue Ehrensystem Gefahr ein ehrenloses Spiel zu werden. Ein Spiel, wo der nächste Reichsrang mehr zählt als jegliche Form von Anstand und Respekt vor dem Feind.

Und so scheitert Blizzard an dem versprochenen Spagath, der bisher all ihre Spiele so einzigartig gemacht hat: „Spaß garantiert, egal wie viel Zeit du hast“. Das perfekte Spiel für jedermann bleibt somit also weiterhin Utopie.