World of Warcraft – Zwischen Wahnsinn und Realität

Das Licht in der Lesestube geht an. Unwillkürlich fällt der Blick auf die hohen Regale, die den Raum einschließen, als wären sie gewählt worden um die Wände zu verstecken. In der Mitte des Raumes steht ein grünes Sofa, abgenutzt und leicht verstaubt.Davor erkennt der Beobachter einen kleinen Holztisch, verziert mit getrockneten Blättern. Ein alter Mann betritt das Zimmer, schaut sich kurz um und steuert das linke Regal an.

„Wo ist es denn nur wieder?! Frieda! Ich finde es nicht, verdammter Seemannszwirn!“ „Gatte, du sollst nicht fluchen!“ Seine Frau stürmt in das Zimmer, hebt tadelnd den rechten Zeigefinger und bemerkt verärgert die Tabakpfeife, die ihm schwer aus einem Mundwinkel hängt. „Und rauchen sollst du auch nicht!“
Eine Handbewegung und die Pfeife landet unsanft auf dem Boden. Der Alte bückt sich seufzend nach ihr und hält kurzerhand inne.
„Ah, da ist es ja.“ Seine Lippen formen sich zu einem Lächeln. „Ja, das ist es.“ Er hält ein dickes, braunes Buch in seinen zittrigen Händen. In vergoldeten Buchstaben steht auf dem verschmutzten Band: ‚Mein Freund, der Paladin‘.
„Frieda, wie alt mag dieses Buch wohl sein?“ Er sieht seine Frau fragend an und packt geschwind und unbemerkt die Pfeife in seine rechte Hosentasche.
„Ach, Gatte, es müssten sicher fünfzig Jahre sein. Es ist recht gut erhalten geblieben. Wir haben lange nicht darin gelesen.“ Sie überlegt kurz, kneift ihn liebevoll in den Bauch und schmunzelt. „Wie wäre es, wenn du unseren Beobachtern daraus vorliest?“
Die Augen des Alten erstrahlen und so gehen beide zum Sofa hinüber, nehmen darauf Platz, während sie ihm eine Brille reicht. Der Alte blickt kurz auf, „Na dann hört gut zu!“, schlägt die erste Seite auf und beginnt zu lesen.
Es war einmal vor langer Zeit.. im Auenland.. ein junger Hobbit namens Frodo und…
„Treib‘ keinen Schabernack, Gatte! Das ist doch ‚Der Herr der Ringe‘!“ Der Alte lacht auf und schaut seine Frau amüsiert an. „Frieda, du verstehst ja überhaupt keinen Spaß.“ Immer noch kichernd nimmt er das Buch wieder in die Hand und fährt fort.
Also, es war ein junges Mädchen. Ihre Haut war weiß wie Schnee, ihre Haare schwarz wie Ebenholz und ihre Lippen rot wie Blut.
„Das ist Schneewittchen!“, seufzt die Frau leicht genervt. Doch dem Alten gefällt die Art, wie sie reagiert, und so lacht er noch herzlicher und lauter als zuvor.“Schon gut, Frieda, ich beginne nun..“ Er wischt sich ein paar Tränen aus dem Gesicht, räuspert sich kurz und liest weiter.

Es war dunkel im Zimmer und es stank nach Schweiß und Urin. Auf einem großen Bett, in der hintersten Ecke, saß ein Mädchen. Sie war splitternackt. Ihre Haare waren ungewaschen und es sah allgemein so aus, als hätte sie lange weder Wasser noch Seife genutzt. Ihre Augen waren leer, sie wirkte apathisch, beinahe leblos. Dreck klebte an ihrer blassen Haut. Hier und da hingen vereinzelt ausgerupfte Haarsträhnen herunter.Wie lange dieses Mädchen dort schon verweilte, konnte Niemand sagen. Nicht einmal die freundlichen Polizisten wurden von ihr wahrgenommen. Als wäre ihr Geist existent in einer anderen, in einer fremden Welt. Es rührte die Polizisten zu Tränen.

Man brachte sie in eine Klinik fernab in den Bergen. Dort sollte sie Hilfe bekommen und zu sich finden. Man gab ihr täglich die verschiedensten Medikamente, doch das Mädchen blieb stumm und teilnahmslos. Beim Durchsuchen des Schlafzimmers fand man ein Tagebuch und übergab es dem zuständigen Arzt.

Eines Tages, nach Feierabend, nahm jener Arzt dieses Tagebuch mit nach Hause. Als er fertig war mit Duschen, zog er sich seinen Pyjama an, legte sich ins Bett, schaltete die Nachttischlampe ein, schlug das Tagebuch auf und las Seite für Seite das Schicksal des armen Mädchens.

Liebes Tagebuch, heute war wieder so ein Tag, wo ich ihn am liebsten hätte umbringen können! Wie kann man nur den ganzen Tag dieses blöde Spiel zocken? Ich hatte gedacht, dass ich ihn ein wenig ablenken kann und ging zu ihm ins Wohnzimmer. Ich hab gesagt, dass ich mit ihm schlafen will… und was sagt er? ‚Schatz, ich bin grad in einer Instanz, ich kann jetzt echt nicht. Kann meine Kumpels nicht im Stich lassen.‘ Und schon klickte er wieder fröhlich auf seiner Tastatur rum. Ich hasse ihn!“

Der Arzt runzelte die Stirn. Das arme Mädchen. Neugierig las er weiter.

„Liebes Tagebuch, ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll?! Ich saß an meinem Rechner, habe mit einer Freundin gechattet. Auf einmal hör ich meinen Freund schreien: ‚Boah Alda!!! Bist du denn bekloppt?? Du bist doch selbst zum Kacken zu dumm! Jetzt mach doch mal hinne da! Ich krieg echt so n Hals!‘ Ich dachte er meinte mich, also eilte ich zu ihm ins Zimmer und fragte ihn was denn los sei. Da schrie er auch schon weiter: ‚Man, was machst du denn da? Ich flipp gleich aus!‘ Ich fragte ihn etwas ratlos was ich denn machen würde und er schrie wieder: ‚Jetzt geh da rüber und zeigs dem Penner!‘ Ich wusste überhaupt nicht wen er meinte. Zu wem soll ich gehen? Da ist doch keiner außer uns beiden. Und wieder schrie er: ‚Wenn du nicht sofort da rüber gehst, werd ich sauer!‘ Ich konnte nicht anders, mir kamen die Tränen. Plötzlich sah er mich an und meinte: ‚Hey, Schatz, wasn los? Wieso weinstn? Ich zock grad mit einem, der hat echt null Peilung vom Spiel. Was für ein Vollhonk!'“

Der Arzt musste unwillkürlich auflachen. Er konnte sich die Situation bildlich vorstellen. Klarer Fall von Unwissenheit. Hatte sie nicht gemerkt, dass er gar nicht mit ihr sprach? Schmunzelnd las er den nächsten Eintrag.

„Liebes Tagebuch, tja, was soll ich sagen?! Ich stand heute gegen 9 Uhr auf, da saß er schon am PC. Wir wollten dann eigentlich zusammen frühstücken. Ich hatte alles vorbereitet. Er kam und kam nicht. Mehrmals hatte ich ihn gefragt wann wir essen können. Keine Reaktion. Also ging ich in mein Zimmer und blieb dort bis 22 Uhr. Als ich dann das Wohnzimmer betrat, nahm er sein Headset ab und meinte: ‚So, wir können jetzt frühstücken, Schatz. Hat etwas länger gedauert.'“

Der Arzt hielt sich den Bauch vor Lachen. Er bemühte sich leise zu sein, damit die Nachbarn ihn nicht hörten, doch es fiel ihm sichtlich schwer.

„Liebes Tagebuch, heute nahm er sich etwas Zeit für mich. Wir aßen gemeinsam zu Mittag und er erzählte mir von WoW. Er hat da wohl ein paar Spiele gewonnen und mächtig viel Geld macht. Oder Gold, wie er es nennt. Ich freu mich total für ihn. Ich kann es gar nicht fassen. Wusste gar nicht, dass man so viel Geld da verdienen kann. Wahnsinn. Ich hab einer Freundin davon erzählt. Hab ihr auch gesagt, dass ich meinen Freund fragen will, ob wir uns von dem Geld etwas schönes kaufen können. Oder wir könnten< wegfahren. Meine Freundin, sie spielt auch WoW, fing plötzlich an zu lachen.Ich weiss immer noch nicht warum…"

Mittlerweile ist aus dem Lachen ein hysterisches Gackern geworden. Der Arzt schnappte mehrmals nach Luft und las die letzten Einträge.

„Liebes Tagebuch, ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ständig höre ich seine Schreie, seine Beleidigungen… ‚JOW, der macht nen krassen Schaden, Alda!’… ‚Hilfe, ja, ich kann nix machen, man!‘ … ‚Fett! 2000er Bewertung, echt nice Jungs!‘.. ‚WTF?? OMG!!‘ … ‚loooooool‘ …. ‚JA MAN, owned!‘ Davon abgesehen das ich nix verstehe, stört es mich auch. Ich kann einfach nicht schlafen, bin total unausgeruht und ständig müde.“

„Liebes Tagebuch, mein Freund meinte wir sollten Kinder machen. Ich war total überrascht! Er macht Pläne für die Zukunft? Er hat sogar Namen für die Kinder. Twins, wenn es Zwillinge sind. Und irgendwas mit Nachtelfe und Paladin. Hm.“

„Liebes Tagebuch, er fragte mich ob ich mit ihm wegfahren möchte. Freudig sagte ich zu. Wir wollten mit Bus und Bahn spontan zu irgendeinem Krasus Landeplatz. Leider bekam ich Kopfschmerzen und wir mussten zuhause bleiben.“

„Liebes Tagebuch, wir wollten gemeinsam ein paar Freunde besuchen gehen. Muss wohl weiter auswärts sein, denn ich kenn die Stadt gar nicht. Irgendwas mit Skype.“

„Liebes Tagebuch, er versprach mir sich zu ändern und mehr Zeit mit mir zu verbringen. Wir wollten ein bisschen Bummeln gehen, über den Markt laufen. Er meinte, ich solle bei mir im Zimmer auf ihn warten. Das ist mittlerweile 3 Tage her. Er kam noch nicht.“

Das war der letzte Eintrag. Dem Arzt wurde zunehmend bewusst, was das Mädchen durchgemacht haben muss. Dennoch konnte er sich das Lachen nicht verkneifen, welches begleitet wurde von erstauntem Seufzen. Der pure Wahnsinn.

Der Alte hält inne und schaut seine Frau nachdenklich an. „Weisst du, Frieda, die Menschen sagen immer sie wollen keine Kriege mehr. Dabei führen sie den ureigenen Krieg auf ewig in sich fort.“ Seine Frau nimmt ihm das Buch aus der Hand, streichelt sanft über das alte Band und flüstert:
„Dabei finden sie ihre lächerlichen Friedensflaggen in all ihren Erinnerungen.“
Sie küssen sich zärtlich und stehen auf. Beim Hinausgehen dämpft der Alte das Licht und deutet auf das Buch in ihren Händen. „Du warst an sich eine gute Autorin, Weib.“ Sie lacht auf, kneift ihm in den Bauch, wie sie es immer tat wenn er sie ärgerte, und erwiderte: „Und du warst an sich ein guter Arzt, Gatte.“

Beide zwinkern sich zu und schließen die Tür hinter sich zu.