Wenn ich spiele…

Wenn ich spiele…

Ich bin zu Hause. Aber ich höre den Wind. Lausche sehnsuchtsvoll diesem Flüstern. Es ruft und hallt und klingt in meinem Schädel. Ich beginne, in diese magische Welt voller Abenteuer einzutauchen.

Habe mich in meinem Heimatgasthaus ausgeloggt. Doppelte Erfahrung. Mein Charakter erwacht zum Leben. Langsam und stolz richtet er sich auf, ich habe ihn gelevelt. Er ist schnell, vielleicht nicht unbedingt groß, aber stark und er kann schleichen.

Meine erste Daylie steht an. Ohne einen Ton schleiche ich mich an diesem schlafenden Drachen vorbei, der mich nie lange alleine lässt. Bloß keinen Ton, denn der Kampf ist nicht zu gewinnen. Geschafft.  Ich öffne diese magische, von innen leuchtende Truhe, hole meinen Loot und verarbeite es sogleich. Nun bin ich bereit für die schweren Aufgaben.

Schon schreit die Welt, sie braucht meine Hilfe. Wie jeden Tag. Keine Furcht, kein Grenzen kennend schwinge ich mich auf mein eisernes Ross – Ein Meisterwerk uralter Ingineurskunst. Was würde wir nur ohne sie tun?

Die Wege sind voll, überall Helden, meinesgleichen, den Planeten zu verbessern. Fast blockieren sie meinen Weg, aber nur fast und mit Mühen gelange ich an mein Ziel. Ein schauriges Gebäude, fast schon ein Gefängnis. Beim Anblick läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Zum Glück ist es nicht real. Gewissenhaft und pflichtbewusst – ich bin schließlich ein erhabener Held – erfülle ich meinen Auftrag.

Doch plötzlich stürmt der Questgeber hinein. Tobend, rasend, schreiend, fluchend. Sein Kopf ist blutrot, seine Augen wollen töten.  Hat er mich verraten? Habe ich etwas falsch gemacht?

„Herr Klein, ich habe Ihnen doch ausdrücklich gesagt, dieses Dokument muss bis Freitag abgegeben worden sein!“

Meine Healthbar sinkt. Ich kann mich gegen seine verbalen Schläge nicht verteidigen! Selbst meine Questbelohnung will er mir nicht überreichen! Er droht sogar, mir gar keine Aufgaben mehr zu geben!

Panik erfüllt ich. Ich laufe weg, steige in mein eisernes Ross, will nur in Sicherheit, mich im Gasthaus ausloggen. Hoffnungsvoll, erleichtert betrete ich mein Heim – Aber… NEIN! Der Drache ist erwacht; ich habe vergessen, mich reinzuschleichen!

„Axel“, ihre Geschrei zerstört meine Ohren und Gedanken „ich habe dir schon tausend mal gesagt, du sollst nach dem Kochen dein Geschirr abwaschen!“ Ich halte es nicht mehr aus. Wenn sie nur Feuer spucken würde, aber nein, diese giftigen Laute zerstören mich im Innersten. Ich muss hier raus. Escape. Ausloggen. Das Spiel sofort verlassen.

Endlich. Mein Herz rast immer noch. Ich schaue meinem schlafenden Bruder an, um mich zu beruhigen. Ja, er wird eines Tages ein starker Orc werden. „Hat dich das Spiel wieder erschreckt?“, murmelt er im Schlaf.

Ja, das hat es. Zum Glück ist es nur ein Spiel.

~ Akos